Radikaler Schuldenschnitt und China-Druck: Der Überlebenskampf des Traditionskonzerns Varta
Melkmaschinen der Investoren“: Was der tiefe Fall von Varta über den Industriestandort Deutschland verrät
Ein leidenschaftlicher LinkedIn-Beitrag geht viral und trifft exakt den wunden Punkt einer ganzen Industrie: Während die Politik von europäischer technologischer Souveränität träumt, kämpft das deutsche Batterie-Traditionsunternehmen Varta ums nackte Überleben. Der Fall – gezeichnet von einem verheerenden Cyberangriff, einem radikalen Schuldenschnitt auf Kosten der Kleinaktionäre und dem immensen Preisdruck durch hochsubventionierte asiatische Konkurrenz – zeigt drastisch die Zerrissenheit der europäischen Wirtschaft. Zwischen technologischer Weltklasse, dem Einstieg von Porsche als rettendem Ankerinvestor und der harten ökonomischen Realität einer Branche, in der selbst hochgelobte Milliardenprojekte wie Northvolt straucheln, entfaltet sich ein beispielloses Industrie-Drama. Die ungeschönte Botschaft aus dem Maschinenraum von Varta ist mehr als nur die Verteidigung der eigenen Arbeit; sie ist ein dringender Weckruf an das Management, die Politik und die Öffentlichkeit.
Wenn ein LinkedIn-Beitrag mehr Resonanz erzeugt als jede Quartalsmitteilung, sagt das etwas über den Zustand der deutschen Industriepolitik aus. Ein Beitrag eines Varta-Mitarbeiters, der die Fähigkeiten des Unternehmens trotzig aufzählt und gleichzeitig gegen Vorwürfe des Managementversagens wettert, trifft einen Nerv. Er ist Ausdruck eines tieferen Konflikts zwischen technologischer Kompetenz und wirtschaftlicher Überlebensfähigkeit, der die gesamte europäische Batteriebranche durchzieht.
Ein Weckruf aus dem Schwäbischen
Der virale Beitrag von Günter Gerold, einem Varta-Mitarbeiter, listet in schnörkelloser, fast trotziger Sprache eine beeindruckende Liste an technischen Leistungen auf: die Fertigung von einer Milliarde Hörgerätezellen jährlich, zusätzliche Kapazitäten für Consumer-Produkte, die jahrelange Betreuung von Apple mit hohen Anforderungen, die Entwicklung einer Hochleistungszelle für Porsche und der Aufbau einer Produktion in Rekordzeit. Ergänzt wird diese Liste durch die Beherrschung unterschiedlichster Zellchemien von Silberoxid über Wasserstoff und Nickel-Metallhydrid bis hin zu Natrium sowie durch die Erfüllung strenger Automobilstandards wie IATF und TISAX. Diese Aufzählung ist keine Marketingfloskel, sondern spiegelt die tatsächliche technologische Bandbreite eines Unternehmens wider, das seit über einem Jahrhundert Batterien fertigt und in Nischenmärkten wie Hörgerätebatterien eine weltweit führende Position einnimmt.
Der Kern der Botschaft richtet sich jedoch nicht an Kunden, sondern an Kritiker im eigenen Land: Werft uns kein Managementversagen vor, wenn ihr die operative Komplexität nicht kennt, und verlangt keine Gewinne in einer Branche, die diese nirgendwo auf der Welt erzielt, nicht einmal in China. Diese Aussage ist bemerkenswert, weil sie eine Verteidigungshaltung einnimmt, die von der Belegschaft und nicht vom Vorstand kommuniziert wird. Sie zeigt eine Belegschaft, die sich durch öffentliche Kritik unfair behandelt fühlt, während sie parallel massive strukturelle Umbrüche durchlebt.
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Ein Konzern zwischen Cyberangriff und Kapitalschnitt
Um die Dringlichkeit dieser Verteidigung zu verstehen, muss man sich die Ereigniskette des Jahres 2024 vor Augen führen. In der Nacht auf den 12. Februar 2024 wurde die Varta AG Opfer eines schwerwiegenden Cyberangriffs, der alle fünf Produktionsstandorte in Deutschland, Rumänien und Indonesien sowie die Verwaltung lahmlegte. Aus Sicherheitsgründen mussten sämtliche IT-Systeme vorsorglich vom Internet getrennt werden, was einen vollständigen Produktionsstopp zur Folge hatte. Erst rund vier Wochen später konnte die Produktion schrittweise wieder anlaufen, wobei die forensische Aufarbeitung ergab, dass eine organisierte Hackergruppe mit hoher krimineller Energie die als robust geltenden Sicherheitsstandards des Unternehmens durchbrochen hatte. Der finanzielle Schaden dieses Vorfalls belastete direkt die Ergebnisse des Geschäftsjahres und erschwerte zusätzlich die bereits laufende Sanierung.
Denn parallel zum Cyberangriff kämpfte Varta bereits mit einer existenzbedrohenden finanziellen Schieflage. Am 21. Juli 2024 kündigte der Vorstand an, ein Restrukturierungsverfahren nach dem Unternehmensstabilisierungs- und -restrukturierungsgesetz, kurz StaRUG, einzuleiten. Der Plan sah eine radikale Kapitalherabsetzung auf null Euro vor, verbunden mit einem vollständigen und kompensationslosen Ausscheiden der bisherigen Aktionäre sowie dem Delisting der Aktie von der Börse. Für die freien Aktionäre bedeutete dies einen Totalverlust, gegen den die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger scharf protestierte und zur Ablehnung des Plans aufrief, da der Großaktionär Michael Tojner als einziger Altaktionär an der anschließenden Kapitalerhöhung teilnehmen durfte. Trotz der Klagen zahlreicher Kleinaktionäre bestätigte das Amtsgericht Stuttgart den Restrukturierungsplan am 11. Dezember 2024 gerichtlich, nachdem die Gläubigergruppen mit der erforderlichen Mehrheit zugestimmt hatten. Durch den vereinbarten Schuldenschnitt reduzierte sich die finanzielle Schuldenlast des Konzerns von rund 485 Millionen Euro auf etwa 230 Millionen Euro. Im Januar 2025 wies das Landgericht Stuttgart auch die Beschwerden zahlreicher Aktionäre gegen diesen Beschluss endgültig zurück, womit der juristische Weg für die Neuausrichtung frei war.
Porsche als Ankerinvestor und Signal an den Markt
Ein zentrales Element der Neuausrichtung betrifft das Hochleistungszellengeschäft für die Automobilindustrie. Bereits im Frühjahr 2024 hatte Porsche den Bau einer zusätzlichen Produktionsanlage für sogenannte Booster-Zellen in Nördlingen angestoßen, die im Performance-Hybridantrieb des Porsche 911 Carrera GTS zum Einsatz kommen. Am 9. Oktober 2024 unterzeichneten Varta und Porsche eine Vereinbarung über ein Mehrheitsinvestment von Porsche in die V4Drive Battery GmbH, eine hundertprozentige Tochtergesellschaft, in die Varta den gesamten Geschäftsbereich für großformatige Lithium-Ionen-Zellen samt Betriebsgrundstück einbrachte. Porsche selbst signalisierte zudem Bereitschaft, sich mit einer Investition von rund 30 Millionen Euro auch an der finanziellen Neuaufstellung der Varta AG als Ganzes zu beteiligen. Diese Partnerschaft ist wirtschaftlich bedeutsam, weil sie zeigt, dass zumindest ein technologisch anspruchsvoller Premiumkunde der deutschen Zellkompetenz weiterhin vertraut, selbst während der Konzern insgesamt am Abgrund stand.
Ende 2025 legte Varta schließlich die Ergebnisse für das von der Restrukturierung geprägte Übergangsjahr 2024 vor. Der Umsatz sank auf 793,2 Millionen Euro gegenüber 820,3 Millionen Euro im Vorjahr, während das EBITDA von 25,5 Millionen Euro auf minus 3,5 Millionen Euro einbrach. Das bereinigte EBITDA, die von Varta selbst als zentrale Steuerungsgröße bezeichnete Kennziffer, fiel von 50,4 Millionen Euro auf 30,6 Millionen Euro, wobei das Unternehmen diesen Rückgang wesentlich mit den finanziellen Auswirkungen der operativen Restrukturierung und den Sondereffekten der Cyberattacke begründete. CEO Michael Ostermann bezeichnete das Jahr als Zeitpunkt des Wandels, in dem mit dem erfolgreich abgeschlossenen StaRUG-Verfahren die Voraussetzungen für einen künftig profitablen Kurs geschaffen worden seien.
Warum niemand mit Batteriezellen Geld verdient
Die im Beitrag formulierte Aussage, dass die Batteriezellenbranche nirgendwo auf der Welt Gewinne abwerfe, nicht einmal in China, lässt sich anhand der Marktentwicklung der vergangenen zwei Jahre nachvollziehen. Die europäische Zellindustrie erlebte 2024 und 2025 eine Serie schwerer Rückschläge. Das Konsortium ACC von Stellantis, Mercedes und TotalEnergies legte den Bau seiner geplanten Gigafabrik in Kaiserslautern auf Eis, wo ursprünglich Batterien für 600.000 Elektrofahrzeuge jährlich entstehen sollten, und stoppte auch die Vorbereitungsarbeiten am Standort Termoli in Italien. Weit dramatischer verlief das Schicksal von Northvolt, dem einst als europäischer Champion gefeierten schwedischen Hersteller. Trotz Bestellungen von Kunden im Wert von über 50 Milliarden US-Dollar und der Unterstützung durch Investoren wie Volkswagen gelang es Northvolt nicht, die technischen Prozesse der Zellfertigung in ausreichender Qualität und Menge zu beherrschen. Im Jahr 2023 überstiegen die Personal- und Sozialversicherungskosten die Erlöse aus Kundenverträgen um mehr als das Dreifache. Nach dem Verlust eines Milliardenauftrags von BMW im Juni 2024 und der Ankündigung, ein Fünftel der Belegschaft zu entlassen, beantragte Northvolt im November 2024 Gläubigerschutz in den USA und im März 2025 schließlich reguläre Insolvenz in Schweden. Die Folgen trafen auch deutsche und europäische Steuerzahler hart, da der deutsche Staat über Fördermittel und Kreditgarantien ein Risiko von mehreren hundert Millionen Euro trug. Im August 2025 übernahm schließlich das US-Unternehmen Lyten die verbliebenen Standorte einschließlich der im Bau befindlichen Fabrik im schleswig-holsteinischen Heide.
Diese Häufung von Fehlschlägen ist kein Zufall, sondern verweist auf eine strukturelle Marktverzerrung. Laut Daten der Internationalen Energieagentur dominiert China rund 85 Prozent der weltweiten Batteriezellenproduktion. Chinesische Hersteller wie CATL und BYD profitieren von enormen Skaleneffekten, staatlicher Förderung, vertikal integrierten Lieferketten für Rohstoffe wie Lithium und Kobalt sowie von jahrzehntelanger Erfahrung in der industriellen Massenfertigung. Europäische und amerikanische Wettbewerber müssen dagegen ihre Produktionskapazitäten meist von Grund auf neu aufbauen und gleichzeitig mit stark gefallenen Zellpreisen kalkulieren, was laut Batterieexperten wie Martin Winter neu einsteigenden Zellherstellern absehbar schwierige Jahre bereiten wird. Vor diesem Hintergrund erscheint die Forderung nach kurzfristiger Profitabilität bei einem mittelständisch geprägten Unternehmen wie Varta tatsächlich als eine Erwartungshaltung, die der ökonomischen Realität der gesamten Branche widerspricht.
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Konrad Wolfenstein
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